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1992 / FELDKIRCH

Ein kleines Jubiläum der Blasmusikforschung
10. Kongress der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik
 in Feldkirch/Österreich vom 28. April bis 3. Mai 1992

Wolfgang Suppan, Graz/Österreich

Als 1966 ein kleiner Kreis von Blasmusikforschern, Praktikern und Liebhabern sich in Sindelfingen nahe Stuttgart traf, um die "Kommission zur Erforschung des Blasmusikwesens" zu begründen, konnte niemand ahnen dass nun - fünfundzwanzig Jahre später - eine weltweit tätige Gesellschaft: die 1974 in Graz auf der Basis der Sindelfinger "Kommission" ins Leben gerufene Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB), ihren 10. Internationalen Kongress mit so großer Beteiligung und auf so hohem fachlichen Niveau würde feiern können. Die Publikationsreihe der Gesellschaft "Alta Musica" (Musikverlag Dr. Hans Schneider in Tutzing) hält derzeit (1992) bei Band 14.

In Feldkirch, im österreichischen Bundesland Vorarlberg, trafen sich um den 1. Mai 1992 genau siebzig Fachkollegen aus 18 Ländern Europas, Nord- und Südamerikas sowie aus Australien. 32 Referenten widmeten sich zum Teil dem Haupt-Thema des Kongresses: "Richtungweisende Komponisten in der Neuen Musik für Blasorchester im 20. Jahrhundert", zum Teil "freien Referaten" aus vielen Teilbereichen des Faches.

Das symphonische Blasorchester des 20. Jahrhunderts ist vorzüglich mit dem Schulblasmusikwesen der USA verbunden. Die leistungsfähigen Universitäts- und College-Bands waren/sind es auch, die einschlägige Werke bei Komponisten der Gegenwart in Auftrag gegeben haben und geben: Etwa Paul Hindemiths "Symphonie in B", Ernst Kreneks "Dream Sequence", Karel Husas "Apotheosis of this Earth" oder "Music for Prague 1968", Krysztof Pendereckis "Pittsburg Overture", Arnold Schönbergs "Variationen" op. 43a, u. ä. Doch vereinzelt, seit Paul Hindemith das Donaueschinger Musikfest von 1926 dem Thema "Amateurblasmusik" gewidmet hatte und Gál, Krenek, Pepping und Toch dafür Werke eingesandt hatten, vor allem aber seit dem Neuaufbau des Amateurblasmusikwesens in Mitteleuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, begann zeitgenössische Originalblasmusik auch das Repertoire europäischer Blasorchester zu gewichten.

Der Feldkircher Kongress sollte erstens der Diskussion darüber dienen; denn neben den traditionellen und konventionellen Aufgaben der Amateurblasorchester, neben der Marsch- und Unterhaltungsmusik ergibt sich aufgrund staatlicher Förderungen ein immer deutlicher formulierter Bildungsauftrag im Rahmen der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung.

Zum Thema "neue" Blasmusik präsentierten Referenten sowohl (A) Länderberichte wie (B) Darstellungen richtungweisender Komponisten und einzelner Werke.

Zu (A) - in der Reihenfolge der Vorträge: Roy Thompson (Brisbane) über Australien; Herman Snijders (Paramaribo) über Suriname; Laszlo Marosi (Budapest) über Ungarn; Ervin Hartman (Maribor) über Slowenien; Adam Hudec (Pressburg) über die Slowakei; Tomas Hancl (Ostrava) über die tschechischen Länder; Timothy Reynish (Manchester) über England; Bernhard Habla (Oberschützen) über den pannonischen Raum Mitteleuropas; Nico Boom (Utrecht) über die Niederlande; Olavi Kasemaa (Tallinn) über Estland; Werner Kunath (Leipzig) über die ehemalige DDR.

Zu (B): Jon C. Mitchell (Athens/USA) über "Composers from Pittsburgh"; Wilhelm Baethge (Halle) über Joachim Gruners "Konzertante Musik (1985)"; Joachim Buch (Buchloe) über Werke von Kees Vlak; Martin Färber (Leipzig) über "Zwei konzertante Blasmusikkomponisten der ehem. DDR: H.-H. Wehding und M. Stöckigt".

Diese Referate zeigten ein sehr länder- und gesellschaftsspezifisches Verständnis von "neuer" Blasmusik, von ihrer musikalischen Struktur und Rezeption durch professionelle und Amateurblasorchester und das Publikum.

Der Bereich der "freien Referate" bot sowohl musikethnologische Themen, wie Fred Gales (Amsterdam) Untersuchung der "Bands at the Minahasse of Sulawesi in Indonesia", zugleich ein Beitrag zur Musikinstrumentenkunde, wie historische, volkskundliche und musiksoziologische Präsentationen. Historisch aufgebaut waren die Vorträge von Elisabeth und Friedrich Anzenberger (Wien) über "Blasmusik und Männergesang im 19. Jahrhundert - dargestellt am Beispiel des Wiener Männergesangvereins"; von Jana Lengova (Pressburg) über "Militärmusik und Musikleben in Bratislava/Pressburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts"; von Clyde S. Shive (Drexel Hill/USA) über den österreichischen Komponisten und Dirigenten des 19. Jahrhunderts, Johann (John) Friedheim, in Amerika; von Patricia Backhaus (Waikesha/USA) über die Blasorchester-Dirigentin Helen May Butler; von Dianna Eiland (Alexandria/USA) über Sousas erste Konzerttour von 1891; von Rudolf Weikl (Salzburg) über die Janitscharenmusik; von Wolfgang Suppan (Graz) über den 1803 in Wien verstorbenen Flötisten, Flötenlehrer und Komponisten Karl Kreith; von Klaus Winkler (Dierdorf) über die Posaune als Soloinstrument in Österreich im 18. Jahrhundert; von Reine Dalqvist (Göteborg/Schweden) über J. Beers Konzert für Horn und Posthorn; von Vadim Kadatschigow (Moskau ) über Gattungsprobleme bei Mozarts Bläserwerken. - Schließlich bearbeiteten Norman Heim (Maryland/USA) mit einem Beitrag über die Alt-Klarinette und Gunther Joppig (München) mit dem Vortrag über den Instrumentenbauer Vaclav F. Cerveny instrumentenkundliche Themen. - Gizela Suliteanu (Bukarest) machte mit den "Blasinstrumenten in der rumänischen Folklore" bekannt. - Ebenfalls volkskundlich orientiert erschien das Referat von Anke-Sabine Weymann (Osnabrück) über die von Blasmusik durchdrungene Fest- und Jugendkultur in einer norddeutschen Stadt. Erich Schneider (Bregenz) trug die Ideen neuerer Rezeptionsforschung in den Blasmusikbereich hinein.

Umrahmt wurde das reiche und intensiv diskutierte wissenschaftliche Programm von zwei Konzerten. Felix Hauswirth dirigierte das "Kammerensemble des Schweizer Jugendblasorchesters" mit Werken von Richard Strauss (Serenade op. 7), Francis Poulenc (Aubade für Klavier und Kammerensemble), Bohuslav Martinu (Concertino für Violoncello, Bläserensemble, Klavier und Schlagzeug), John Harbison (Music for Winds) und Robert Kurka (Der brave Soldat Schweijk) .Die Stadtkapelle Wangen, als ein "Ausnahme-Orchester" unter den vielen Stadt- und Landkapellen des süddeutschen Raumes, bot unter der Leitung von Alfred Gross die "Symphonische Ouvertüre" von Bertold Hummel, das Bass-Klarinetten-Konzert von Kees Vlak, die "Scene Concertant" von Richard Heller, "Resonances I" von Ron Nelson sowie - in einer emotional aufrüttelnden Interpretation - die "Music for Prague 1968" von Karel Husa. Leider haben nur wenige Musiker der zahlreichen Blasorchester des Bodenseeraumes von diesen Konzertangeboten Gebrauch gemacht. - Das Ineinandergreifen von Theorie und Praxis, wie es die IGEB von Beginn an auszeichnete, wurde jedoch in besonderer Weise bezeugt.

Für den 11.IGEB-Kongreß lagen Einladungen aus Ungarn und aus Deutschland vor, für den 12. aus der Slowakei. Die Teilnehmer an der Generalversammlung bevorzugten die Abhaltung des nächsten Kongresses im Jahr 1994 in Keszthely in Ungarn, der am Westende des Plattensees gelegenen Stadt, in der das berühmte Festetics-Schloss die einzigartige Sammlung von Harmonie- und Bläsermusik aus der Zeit der Wiener Klassik verwahrt. Als Termin kommt der 10. bis 17. Juli 1994 in Frage.

Die Stadt Feldkirch, deren "20. Forum Feldkirch" dem Kongress Heimstätte und inspirierende Umgebung bot, sorgte mit einem Empfang im mittelalterlichen Rahmen der Schattenburg für gesellige Entspannung. Gemeinsam mit dem Land Vorarlberg und dem Vorarlberger Blasmusikverband unter der Leitung von Dr. Walter Fehle konnte eine Exkursion geplant und durchgeführt werden, die die Kongressteilnehmer mit den landschaftlichen Schönheiten des Landes Vorarlberg vertraut machte. Besonderer Dank gebührt dem Bürgermeister der Stadt Feldkirch, Herrn Mag. Wilfried Berchtold, sowie seinem Mitarbeiter der Kultur, Herrn Franz Josef Kikel.

[Mitteilungsblatt 1992/2, September]

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