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1990 / TOBLACH

9. Konferenz der IGEB in Toblach / Südtirol vom 10. bis 15. Juli 1990

Armin Suppan, Kappelrodeck/BRD

Wie stark Blasmusikforschung von der Praxis getragen wird und in diese zurück hinein wirkt, zeigte die 9. Konferenz der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik, die vom 9. bis 15. Juli 1990 in Toblach/Dobbiaco in Südtirol stattfand. In jener historisch reichen Landschaft, in der Gustav Mahler 1908 bis 1910 seine Sommer-Residenz aufgeschlagen hatte, diskutierten

(1) Rundfunk- und Fernsehredakteure sowie Techniker über die Problematik der Aufnahme von Blasorchestern sowie ihrer Präsentation in Programmen der E- und U-Musik.

(2) Wissenschaftler aus Europa und den USA trugen in freien Referaten die neuesten Forschungsergebnisse vor.

(3) Das Landesjugendblasorchester Nordrhein-Westfalen unter der Leitung von Reinhold Rogg bot in drei außergewöhnlichen Konzerten Uraufführungen von acht Werken Südtiroler Komponisten sowie Erstaufführungen bahnbrechender symphonischer Blasmusik (darunter Ernst Peppings "Kleine Serenade", die seit der Uraufführung in Donaueschingen 1926 nicht mehr gespielt worden war).

Der Kulturreferent der Südtiroler Landesregierung, Dr. Bruno Hosp, der Koordinator des RAI-Senders Bozen, Dr. Franz von Walther, der Südtiroler Künstlerbund mit Präsident Dr. Helmuth Maurer und Musikreferent Karl H. Vigl, der Verband Südtiroler Musikkapellen mit Obmann Robert Meraner und Verbandskapellmeister Prof. Gottfried Veit, die für den Fremdenverkehr zuständigen Instanzen des Landes und der Gemeinde Toblach mit Präsident Herbert Santer schufen hervorragende äußere Bedingungen, um die Konferenz zu einem Erfolg werden zu lassen. Selbst Landeshauptmann Dr. Luis Durnwalder ließ es sich nicht nehmen, alle Kongress-Teilnehmer persönlich zu begrüßen und angesichts der starken Verankerung der Blasmusik im Denken und Fühlen der Menschen Südtirols auf die Bedeutung einer praxisorientierten Forschung hinzuweisen.

Das Thema "Rundfunk/Fernsehen und Blasmusik" stand unter der Leitung des langjährigen Züricher Rundfunkreferenten Albert Häberling. In einer öffentlichen Aufnahmesitzung mit dem NRW-Orchester konnte die spezifische Situation der Aufnahmetechnik mit einem Blasorchester dargestellt werden. J. Lanz (RAI-Bozen), A. Blöchl (ORF-Linz), E. Hartmann (Slowenien), B. Feifel (SWF-Freiburg), J. Schut (Niederlande), T. Hancl (Tschechoslowakei), R. Grechesky (USA), W. Baethge (DDR), R. Weikl (BRD) und K. Brogli (Schweiz) berichteten aus ihren Studios und Ländern, wobei vielfach die einseitige Zuordnung der Blasmusik zur Unterhaltungsmusik oder zur sog. Volkskultur als Hemmschuh empfunden wurde, die gesamte Breite des Phänomens: von der Marschmusik bis zur symphonischen Musik, von der Popularmusik bis zur Avantgarde, an das Publikum heranzubringen.

Die "freien" Referat- und Forschungsberichte umspannten den vollen Bereich der historischen und systematischen Musikwissenschaft, der Musikpädagogik und der Instrumentenkunde. In der Reihenfolge der Sitzungen sind zu nennen: G. Joppig (München) über die Entstehung und seltene Typen der Oboen-Familie; F. Anzenberger (Wien) über "Schulen für Klappentrompete" - worauf die starke Verankerung von Klappentrompeten und Hörnern im Orchester der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich wurde; W. Kenz (Basel) über die Verwendung des Saxophons im Blasorchester; W. Waterhouse (London) über führende Blasinstrumentenbauer des 19. Jahrhunderts; M. Büttner (Duisburg) zur "Musikgeographie"; F. Hauswirth (Basel) über die Erstfassung der Holst-Suite für Blasorchester; F. Weyermüller (Innsbruck) über "Das Blasorchester als Erziehungsinstitution"; D. Whitwell (Los Angeles) über die "BBC Wireless Military Band"; G. Antesberger (Klagenfurt) über eine kärntner bäuerliche Blaskapelle; R. Nowotny (Wien) über Blasmusik im Wiener Vormärz; J. Malen (Prag) über die Situation der tschechischen Blasmusik; B. Habla (Oberschützen) "Besetzungsformen im 19. Jahrhundert"; C. Shive (USA) über Blasmusik in Philadelphia im 19. Jahrhundert; S. Miller (USA) über Darius Milhaud's Bläserkompositionen; J. Mitchell (USA) über frühe Aufnahmen von Holst-Bläserwerken; R. Camus (USA) über den Einfluss italienischer Kapellmeister auf die Blasorchester-Entwicklung in den USA; C. Becx (Niederlande) über die symphonischen Blasorchesterwerke von Henk Badings; K. Vigl (Bozen) über den Südtiroler Blasmusikpionier Hans Nagele.

Ein schier unglaubliches Pensum an Konzert- und Probenarbeit leistete das Landesjugendblasorchester Nordrhein-Westfalen, das der Krefelder Musikdirektor Reinhold Rogg musikalisch und mental in hervorragender Weise auf die große Aufgabe eingestellt hatte. Die zur Uraufführung gelangten Kompositionen forderten technische Perfektion und interpretatorische Reife. Eine Wertung fällt nach einmaligem Hören der vielfach neuesten Techniken der Avantgarde nutzenden Werke schwer. Durch ihre vibrierende Kraft und Dichte hinterließ Peter Reschs "Perspektive III" einen besonderen Eindruck. Mit einer "Trauermusik (Als Andenken meinem Vater zuliebe)" machte der junge Heinrich Unterhofer auf sein Talent aufmerksam. Die "Sonata festiva concertante'Nun danket alle Gott'" für Blechbläserquartett und Blasorchester von Peter Hölzl, das "Monument Musical" für Hörnerquartett und Blasorchester von Karl H. Vigl, das "Concertino" für Blasorchester mit Klavier und Harfe von Günther Andergassen fanden viel Beifall beim Publikum. Während Albert Kirchers "Elegische Ballade" für Blasorchester und konzertierende Harfe ebenso wie Hubert Stuppners "Wagner-Moment" unter der Ungunst des Konzertsaales litten. In jedem Fall darf besonders hervorgehoben werden, dass in dem verhältnismäßig kleinen geographischen Raum Südtirols so viele Komponisten dem symphonischen Blasorchester Aufmerksamkeit schenken. Nur von einer starken Tradition geprägte Persönlichkeiten vermögen so kraftvoll in die Zukunft voranzuschreiten.

Ein Erlebnis geradezu irrealer Erfahrung vermittelte Albert Mayr's "Klangaktion" mit dem Titel "Echos". Rund um das Gustav Mahler-Komponierhäuschen, in einem Areal von etwa 500 m Länge und Breite verteilt, waren die Musiker des NRW-Orchesters postiert. So wanderte ein sphärenhaft anmutender Klang durch das obere Pustertal.

Neben den südtiroler Uraufführungen gab es drei Erstaufführungen: Eine "Serenata" für zwei Solo-Trompeten und Blasorchester von Johann Joseph Fux in der Neufassung von William Schaefer (USA), die seit Donaueschingen 1926 nicht mehr gespielte "Kleine Serenade" für Blasorchester von Ernst Pepping (in der Neu-Edition von Wolfgang Suppan), die "Fantasia super 'L'homme arme'" von Kees Schoonenbeek (Niederlande). Erstmals in Italien erklang auch das großartige "Praise Jerusalem" des Wiener-Amerikaners Alfred Reed. Neben dem NRW-Orchester musizierten zur Eröffnung die Musikkapelle Toblach und zum Abschluss die Musikkapelle Algund, sowie das "Divertimento-Bläserquintett" aus Brixen und das "Bozner Horn-Ensemble", u. a. mit der Uraufführung von Herbert Grassls "Frisch voran..!", Marschszenen für Bläserquintett bedenkenswerte Parodien auf die konventionelle Marschmusik.

Im Rahmen des 9. Kongresses der IGEB fand auch die Generalversammlung der Gesellschaft statt, in der über das Publikationsprogramm berichtet wurde: Band 11 von ALTA MUSICA (eine Analyse der Blasorchesterwerke von Gustav Holst) ist eben erschienen; die Bände 12 (B. Habla über "Besetzung und Instrumentation im mitteleuropäischen Blasorchester") und 13 (A. Suppan, Marsch-Repertorium Teil 2) befinden sich im Druck. Die Referate von Toblach werden in Band 14 erscheinen. - Die nächste Tagung der IGEB soll 1992 auf Einladung des Tschechoslowakischen Rundfunks in Ostrava in der CSFR stattfinden.

[Mitteilungsblatt 1990/2, August]

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