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1988 / OBERSCHÜTZEN

Kongressbericht

Fritz Thelen, Lindenberg/ Allgäu

In Verbindung mit dem Institut für Blasmusikforschung der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz veranstaltete die Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB) in der Zeit vom 12. bis 17. Juli in Oberschützen ihre 8. Internationale Konferenz.

Die unter dem Ehrenschutz von Landeshauptmann Hans Sipötz, Landeshauptmann-Stellvertreter Dr. Franz Sauerzopf und Landesrat Dr. Christa Krammer stehende Veranstaltung begegnete einem überaus starken Interesse. 69 Teilnehmer aus USA, der Schweiz und BRD, Spanien, Italien, Finnland, aus den Niederlanden, aus Ungarn, Jugoslawien, Luxemburg, Großbritannien, Surinam, Südafrika, Ägypten und Österreich bildeten eine imposante Kulisse und zeigten, wie weit die Bestrebungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Materie Blasmusik seit der ersten Fachtagung in Graz 1974 gediehen sind. dass die Bestrebungen der Gesellschaft in ganz hervorragender Weise bisher durch die Hochschule für Musik, Graz, unterstützt wurde, kann nicht lobend genug hervorgehoben werden. dass diese Fachtagung, die mehr oder weniger kurzfristig umdisponiert werden musste, stattfinden konnte, ist vor allem auch dem Entgegenkommen des Österreichischen Wissenschaftsministeriums und der Burgenländischen Landesregierung sehr herzlich zu danken. Man braucht wohl kaum zu erwähnen, welche strapaziöse Mehrarbeit Präsident Professor Dr. Wolfgang Suppan und sein Team zu leisten hatten.

Die Vielfalt der Themen dokumentierte die Richtungen, aus denen Forschungsansätze möglich und notwendig sind. Auch diesmal ist die demokratische und unprätentiöse Form der Tagung hervorzuheben. Hier wurde nicht und niemand gefeiert, wie sich das für eine engagierte junge Wissenschaft gehört. Es wurde intensiv gearbeitet, referiert und lebhaft diskutiert. Die musikalische Umrahmung hatte eine breite Basis und lockerte das "theoretische Geschehen" mit interessanten musikalischen Kompositionen herzerfrischend auf. Ein großartiges Gebäude mit akustisch vorzüglichen Räumen garantierte auch die Durchführung repräsentativer Veranstaltungen. So wurde die Eröffnungsfeier am Dienstag Abend im "Großen Saal" des Kulturzentrums in Oberschützen ein besonders würdiger Auftakt. Das Seminar-Orchester des Burgenländischen Blasmusikverbandes gab unter Alois Vierbach mit der gehaltvollen Bläserhymne "Tag der Freude" von Herbert König einen klangintensiven Auftakt. Präsident Prof. Dr. Wolfgang Suppan gab seiner Freude über den guten Besuch Ausdruck und konnte auch eine Reihe prominenter Ehrengäste begrüßen. Er fand herzliche Worte des Dankes für alle Beteiligten, die das Zustandekommen mit ermöglichten. Es folgte dann die österreichische Erstaufführung der "Ouvertüre 1794" von Louis Emmanuel Jadin in der Bearbeitung von Armin Suppan. Der französische Komponist gehörte in der Revolutionszeit der Musik der Pariser Nationalgarde an. Armin Suppan gab dieser Musik, die durch vehemente Rhythmik, kombiniert mit raketenartig aufsteigenden und fallenden Fanfaren- und Signalthemen gekennzeichnet ist, in seiner Bearbeitung dynamisches und ausdrucksstarkes Klang-Profil. Bei der ausgezeichneten technischen und darstellerischen Kraft der jungen "Musici" und der befeuernden Direktion Alois Vierbachs musste das Blasmusikwerk begeisternden Beifall finden. DDr. Schranz überbrachte die Grüße der Burgenländischen Landesregierung. Er hob in seinen Worten die völkerverbindende Kraft der Musik hervor, die besonders auch zur Jugend eine Brücke schlage. Die Grüße der Hochschule für Musik Graz überbrachte Prof. Dr. Eugen Brixel. Durch die Installierung eines Institutes für Blasmusikforschung trage die Hochschule in Theorie und Praxis zur Verankerung der Bestrebungen der lGEB in intensiver Weise bei. "Drei deutsche Tänze" von Wolfgang Amadeus Mozart und das die Veranstaltung beschließende "Heitere Spiel für Blasorchester" von Hermann Regner gaben dem Seminarorchester Gelegenheit, saubere Intonation und figürliche Präzision aufzuzeigen. Diszipliniertes Verhalten und Spiel forderten den herzlichen Beifall des Auditoriums heraus.

Eine Fülle von Vorträgen offerierte das viertägige Programm der Gesellschaft. Präsident Wolfgang Suppan, der die Tagung eröffnete, teilte mit, dass die Tagungsbeiträge in absehbarer Zeit wieder in einem internationalen Kongressbericht innerhalb der Reihe ALTA MUSICA vorliegen werden. Zum Teil durch Bildmaterial ergänzt, wurden die Themen "The Current State of Wind Band Research in the United States" von Jon R. Piersol, USA, "Der deutsche Einfluss auf die Blasmusik Südafrikas von 1652 bis 1902" von St. J. Jooste, Südafrika, "Zur Vorbereitung des 'New Langwill Index' of Historical Wind Instrument Makers" von William Waterhouse, England, "Report on the National Tune Index Project" von Raoul F. Camus, USA, "Daniel Speer und der musikalisch türkische Eulenspiegel" von Zoltán Falvy, Ungarn, "Josef Gungl and His Celebrated American Tour November 1848 - May,1849" von Richard K. Hansen/Roger L. Beck, USA, "Musikgeschichtliche Beiträge ungarndeutscher Persönlichkelten am Beispiel Josef Gungl's" von Robert Rohr, BRD, "Historische Quellen aus dem 19. Jahrhundert und die volksmusikalische Praxis der ungarischen Blaskapellen" von Lujza Tari, Ungarn, mit großem Interesse aufgenommen und lebhaft diskutiert. Für den Abend hatte der Österreichische Blasmusikverband die Kongressteilnehmer zu einem informellen Treffen in eine burgenländische Buschenschänke eingeladen. Landtagsabgeordneter Dr. Stettner, der den Präsidenten Dr. Friedrich Weyermüller vertrat, hatte eine große Familie zu betreuen, die von dem Gebotenen und von der Herzlichkeit einhellig begeistert waren.

Fundierte instrumentengeschichtliche Beiträge kamen am Donnerstag von Clyde S. Shive, USA: "The Wind Band in the United States 1800 – 1825", Eugen Brixel, Österreich: "Das Signalwesen österreichischer Postillione", Friedrich Anzenberger, Österreich: "Ein Überblick über die Trompeten- und Kornettschulen des 19. Jahrhunderts in Frankreich, Deutschland, England und Österreich", Giovanni Ligasacchi, Italien: "Ponchielli e la Musica per Banda", Robert Grechesky, USA: "The Lost Band Works of Ralph Vaughan Williams", Stephen Miller, USA: "The Wind Ensembles and Band Compositions of Darius Milhaud", Jon D. Mitchell, USA: "Gustav Holst's Hammersmith. The Creation of a Masterpiece".

Im Mittelpunkt des 1. Konzertes des Verbandsjugendorchesters Karlsruhe stand die Uraufführung der "Pannonischen Rhapsodie für symphonisches Blasorchester und Solo-Klarinette" von Jenö Takács in der Instrumentierung von Armin Suppan. Dieses Werk zählt unstreitig zu einer herausragenden Schöpfung der neuen Blasmusik. Musikantische Erfindungskraft von unerschöpflicher Fantasie, von zwingender. und doch völlig undogmatischer Logik sind die Grundpfeiler einer Komposition echter künstlerischer Intuition. Souverän beherrscht Takács die Sprache der Grammatik der "Neuen Musik", um sie hier mit den verschiedenen Tendenzen seines eigenen Stils zu einem überzeugenden, einheitlich "Ganzen" zusammenzufassen. In den verschiedenen Abschnitten wird der Gattungsbegriff "Rhapsodie" von folkloristischen Elementen geprägt, zeigt orchestrale Farbwerte auch im Duktus chromatisch orientierter Melodik und Harmonik. Armin Suppan fand in der Instrumentierung ein interessantes Betätigungsfeld und akzentuierte die kompositorischen Inhalte durch charakteristischen Registersatz und entsprechender Gesamt-Aufteilung. Die große Prägnanz der Tongebung und die rhythmische Akuratesse bei der Wiedergabe zeigte den Hörern, dass sich das Verbandsjugendorchester Karlsruhe in ausgezeichneter Verfassung befand. Diese Feststellung gilt auch ebenso für Rimskij Korsakows "Einzug der Edelleute aus 'Mlada'". Erfreulich war die Ausgewogenheit der Register und die dynamische Bändigung bei der Darstellung des "Präludium und Fuge in B" von Herbert König und der "Comedietta" von Paul Kühmstedt. Serge Prokofjews "Festmarsch" war vortrefflich geeignet das "Gesicht" diese Blasorchesters von seiner besten Seite zu zeigen. Nach der Pause gab das Jugendblasorchester Vesprém/Ungarn unter der Leitung von Miklós Szuromi mit dem "Schwert-Tanz" von Franz Erkel seine musikalische Visitenkarte ab. Armin Suppans "Johann Joseph Fux-Suite" zeichnete sich durch klar disponierte Harmonik und die sensible Verwendung instrumentatorischer Kunstmittel aus. Mit großem Respekt folgte er den kompositorischen Spuren dieses österreichischen Meisters, der auch einfachere Sätze im Tanzcharakter mit einer der bodenständigen Volksmusik nahe stehenden Melodik schrieb, und "lichtet" alles kammermusikalisch fein auf. .Miklós Szuromi führte seine Musiziergemeinschaft in eindeutiger dynamischer und agogischer Weise. In den weiteren Darbietungen brillierten die jungen Musici aus Ungarn durch mitreißende rhythmische Wiedergaben und wurden erst nach Zugaben sehr herzlich verabschiedet.

Wichtige Gesichtspunkte lieferten am Vormittag des dritten Veranstaltungstages die Vorträge von Josef Heckle, BRD: "Paul Hindemith's Symphonische Metamorphosen für Blasorchester", Bernardo Adam Ferrero, Spanien: "Music Band in Spain", Ervin Hartman, Jugoslawien: "Blasmusik in Jugoslawien", Arthur Fuhrmann, Finnland: "Finnische Blasmusik", Daniel Lieser, Luxemburg: "Die heutige Blasmusikentwicklung in Luxemburg".

Eine Exkursion am Freitag ins Liszt-Geburtshaus Raiding, zu den Haydn-Gedenkstätten in Eisenstadt und zu einem Empfang des Landeshauptmanns von Burgenland, Hans Sipötz, im schloss Esterhazy in Eisenstadt lockerte den Konferenzverlauf in beglückender Weise auf.

Die letzten Vorträge hielten am Samstag Andrea Franceschelli, Italien: "Nuove Prospetive per la Banda italiana", Gunter Joppig, BRD: "Musikerlehrbriefe des 18. und 19. Jahrhunderts", Klaus Winkler, BRD: "Zur Entwicklung der Blasmusik bei den Herrenhutern", Manfred König, Österreich: "Die Blasmusik n der Dorf- und Stadterneuerung", Michael Nagy, Österreich: "Die Oboe in Wien. Konzept zur Erforschung eines Klangideals mit lokal-musikgeschichtlicher Tradition", Robert M. Gifford, USA: "Improving Band Performance with more Effective Seating Arrangements".

Die Gesellschaft nutzte auch die Gelegenheit für eine Versammlung. Präsident Wolfgang Suppan, der durch den Autounfall seiner verehrten Gattin an dieser Tagung verständlicherweise nicht teilnehmen konnte, wurde durch Eugen Brixel und Bernhard Habla vertreten. Den Kassenbericht gab Margrit Stalder und die internen Beratungen wurden mit der gebotenen Zügigkeit abgewickelt.

Am Abend fand im großen Konzertsaal des Kulturzentrums Oberschützen das Schlusskonzert des Verbandsjugendorchesters Karlsruhe statt. Am Beginn stand die "Festmusik der Stadt Wien" von Richard Strauss. Die charakteristischen Züge der "Suite alt-ungarischer Tänze" von Jenö Takács sind rhythmische Vitalität und klanglicher Schmelz. "Takács' ebenso farbige wie konzentrierte Tonsprache ist Dank seines impulsiven künstlerischen Temperaments stark und substantiell genug, auch konstruktive Architektonik mit musikantischer Intensität zu durchpulsen. Der erfahrene Karl Messner ist mit den rhythmisch-tänzerischen Elementen dieser von der Folklore bestimmten Thematik bestens vertraut und bindet sie in seinem Arrangement in ein schwungvolles Klanggerüst.

Die Karlsruher Spielgemeinschaft wartete mit einer erstaunlichen Klangvielfalt und fein ausgearbeiteten dynamischen Abstufungen auf. Als Erstaufführung für Österreich gab es dann die erste Sinfonie "Aus der Alten Welt" (1987) von Ernest Majo – ein "Pendant" zu Anton Dvoráks Sinfonie "Aus der neuen Welt". In dieser Großform spricht sich das zentrale Anliegen des Ausdrucks- und Bekenntnismusikers aus. Majos Sinfonie "Aus der Alten Welt" ist eine subjektive Manifestation einer kraftvollen schöpferischen Natur. Damit erklärt sich die elementare Wirkung einer Musik, die melodisch-harmonische Intensität und die kraftvolle Rhythmik, zum Teil auch in dramatischer Entwicklung zu ekstatischen Ausbrüchen steigert. Ausgewogenheit in den einzelnen Registern und im Gesamtklang, strahlendes Blech und ein prächtig klingender Holzbläsersatz. Manfred Keller, ein besonnener Leiter, nie nach vordergründigem Effekt heischend, strahlt eine Überzeugung aus, die sich auf das Musizieren des Orchesters voll auswirkt. Mit "Pokos-Tanz" von Bela Vavrinez, mit Kompositionen von Reed, Ford, Grundmann, Foley und Wonder kam das Konzert vollends zum Siege, und so flogen dann bei diesen Piecen den Musikern die Herzen zu.

Damit ging ein Kongress zu Ende, der bei allen Teilnehmern sicher bleibende Eindrücke hinterlassen hat und nicht zuletzt dazu beitrug, den Gedanken einer echten Verständigung von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk zu vertiefen.

Am Rande der Tagung fand eine Ausstellung mit Büchern, Noten und Schallplatten statt, an der die Blasmusikverlage Elvis (Finnland), Halter (BRD), Schulz (BRD), Krenn (Österreich), Kliment (Österreich) und Universal Edition (Österreich) teilnahmen.

[Mitteilungsblatt 1988 Nr.3]

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